Verkehr in Vietnam [Archiv] - Fernwehforum

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Andreas T.
28.10.2006, 00:58
Bevor ich morgen nach China fliege, noch ein paar Bemerkungen zum Verkehr in Saigon:
Da von den 10 Millionen Saigoner Einwohnern, statistisch gesehen, vom Säugling bis zum Greis jeder 5 Motorräder besitzt, und diese dummerweise gleichzeitig zu benutzen pflegt, kann man den Verkehr als lebhaft bezeichnen. Trotzdem hat man herausgefunden, dass der Straßenverkehr mit einer einzigen Regel wirkungsvoll zu beherrschen ist: Alle Verkehrsteilnehmer fahren mit gleicher, vor Jahren einmal festgelegter Geschwindigkeit aufeinander zu. Kurz vor Eintritt eines unweigerlichen Zusammenprallens wird anhand von Größe des Fahrzeugs, Gesichtsausdruck des Fahrers, Lautstärke der Hupe sowie weniger weiterer Kriterien entschieden wer in welche Richtung auszuweichen hat. Stürze kommen eigentlich nicht vor, da man so dicht gedrängt fährt, dass ein Umkippen praktisch unmöglich ist.
Ein älterer Postbeamter fuhr einmal neun Tage lang nach seinem Herzinfarkt im Innenstadtring herum, bis Kradfahrer durch den starken Verwesungsgeruch und seinen teilnahmslosen Gesichtsausdruck auf ihn aufmerksam wurden. Er wurde abends bei Abflauen des Verkehrs vorsichtig aus diesem herausgefädelt.
Kindern bringt man das Fahrradfahren bei, indem man sie entschlossen in den Straßenverkehr hinein schiebt und am anderen Ende der Stadt von Verwandten sorgsam wieder heraus nehmen lässt. Nach wenigen Tagen beherrschen sie dies dann von selbst.
Eine verwegene Idee eines greisen KP-Beamten führte für einige Tage zu ernsthaften Verwirrungen. Nachdem er wegen des zähen Verkehrs vier Minuten zu spät zu seiner Dialyse kam, ordnete er das Aufstellen von Ampeln an Kreuzungen an. Doch diese störten nur den Verkehrsfluss und wurden deshalb nach kurzer Testphase nicht mehr beachtet. Einzig, wenn ein Polizeibeamter als Strafe für eine grobe Dienstverletzung - dabei handelt es sich meist um unverschämt übertriebene Schmiergeldforderungen ausgerechnet an Freunde oder gar Verwandte eines Vorgesetzten - für einen Tag an eine Straßenkreuzung versetzt wird, damit er sich eine schwere Abgasvergiftung zuzieht, treten Ampeln wieder in das Bewusstsein der Fahrer. Bei Rot halten dann alle an! Der Polizeibeamte wird aber sofort nach Feststellung dieser Situation durch ein asthmatisches Keuchen in seine Trillerpfeife - eine Art Bestätigungssignal - die normale Situation wieder herstellen. Die Fahrer in der Pole-Position werden dann durch agressieves Hineinbrechen in den Querverkehr versuchen diesen Zeitverlust wieder aufzuholen.
Auch noch in guter Erinnerung ist die Geschichte mit der hoch dekorierten Freiheitskämpferin, die, 86 jährig, mit ihrem "Gehfrei" versuchte die Straße zu überqueren. Sie wurde einfach vom Verkehr verschluckt, kreiste mehrere Tage lang durch Saigon, und wurde zuletzt gesehen, als sie die Stadt in Richtung Hanoi verließ.
Aber abends bekommt das alles eine völlig neue Bedeutung. Man Cruised auf seinem Motorrad - natürlich zu zweit! Nun wurde das Cruisen ja einmal dafür erfunden, dass man mit mäßiger Geschwindigkeit durch die wichtigsten Straßen der Stadt fährt um zu sehen und um gesehen zu werden. Das war hier sicherlich auch einmal die Grundidee. Funktioniert so aber nicht in Saigon! Man macht sich also schick, setzt sich mit seinem Freund oder seiner Freundin auf das auf Hochglanz polierte Krad und knattert los. Ungünstigerweise machen das aber wieder alle Saigoner gleichzeitig, so dass die Verkehrsdichte konstant bei 100 % bleibt und gleichzeitig der angeborene Jagtinstinkt sofort wieder durchbricht. Gegenüber dem Verkehr am Tage hat sich also effektiv nichts geändert. Es erfordert erneut alle Konzentration, findet im gewohnten Tempo statt und es bekommt überhaupt niemand mit ob er gesehen wird oder nicht, geschweige denn er würde selber Irgendetwas sehen. Wenn da nicht die erwähnten Ampeln wären, die tagsüber so völlig nutzlos vor sich hin leuchten! Findige saigoner Jugendliche haben nämlich vor einiger Zeit bei einem Ideen-Wettbewerb einen unübersehbaren Vorteil der nun einmal vorhandenen Signalanlagen entdeckt:
Man darf bei Rot ungeniert und von der Verkehrsordnung sanktioniert anhalten und für wenige Sekunden nach interessanten Personen am Wegesrand Ausschau halten. Einen Haken hat die Sache jedoch leider auch! Man kann gar keine Leute abseits der Fahrbahnen sehen, da ja alle auf ihren Motorrädern sitzen. Bemerkt hat dies zum Glück noch niemand, denn bevor man es bemerken könnte setzt garantiert ein Ohren betäubendes Hupkonzert ein, dass einen ultimativ zum Weiterfahren auffordert.

Zu Fuß
Als Fußgänger hat man eigenartiger Weise eine große Chance beim Überqueren einer Straße ohne Blessuren das andere Ufer des Verkehrsstromes zu erreichen. Der normal gebaute Saigoner geht dabei wie folgt vor:
Er betrachtet bei seiner Annäherung an den Straßenrand abschätzend die Verkehrslage ohne dabei das Tempo zu verringern. Ist der Verkehr fließend, dann ist alles gut. Ist die Straße aber leer, dann stimmt Irgendetwas nicht und er sucht sich eine andere Stelle für sein Vorhaben aus. Angenommen es ist alles gut, dann geht er in möglichst sicherer Entfernung von einem Zebrastreifen ( ja, die gibt es in Saigon wirklich, und das zu Hauf ! ) entschlossen los. Die übrigen Verkehrsteilnehmer werden in großer Furcht und Panik diesem ungewöhnlichen Passanten ausweichen, nicht ohne sich selber dabei Mut zuzuhupen. Es ist wirklich so einfach! Als Touristen und Vietnam-Neulinge konnten wir das natürlich nicht wissen. Bei unserem ersten Versuch eine Straße zu überqueren brachten uns die Einheimischen nach wenigen Tagen Lebensmittel und Trinkwasser an den Straßenrand weil sie befürchten mussten, dass wir dort elend verenden würden. Schließlich nahmen uns zwei Cyclo-Fahrer, die in der Nähe wohnten und zu denen wir indessen ein familiäres Verhältnis aufgebaut hatten, an die Hand und führten uns in die hohe Kunst des Straßeüberquerens ein. Wir waren daraufhin so überglücklich, dass wir unser neu gewonnenes Wissen wenige Minuten später an zwei japanische Mädels weiter gaben, denen das gleiche Schicksal drohte wie uns zuvor. Die beiden kicherten vor Erleichterung und Bewunderung unseres erfahrenen, forschen Verhaltens und bedankten sich herzlich. Wenn die wüssten! :wink:

Taunusianer
28.10.2006, 17:07
Super Bericht. ich lache mich echt krumm hier. :biggrin: :biggrin: :biggrin:

Hanoi fand ich allerdings verkehrstechnisch noch schlimmer.

Also, einfach Augen zu und durch!
:cool:
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Freitag geht es los:
Laos, Isaan und Phuket!

Otto
28.10.2006, 17:40
http://foto.arcor-online.net/palb/alben/19/3452219/1024_3239613262343937.jpg
http://foto.arcor-online.net/palb/alben/19/3452219/1024_3135303534636532.jpg
http://foto.arcor-online.net/palb/alben/19/3452219/1024_6230613866663364.jpg
Die Aufnahmen stammen aus einer Sammlung, aus der schon mal "fritz" im Herbst 2004 hier einiges verlinkte.
http://foto.arcor-online.net/palb/alben/19/3452219/1024_3831633964363139.jpg
Ich habe u.a. den Straßenverkehr in Manila (vom Juli 1999) als wesentlich umfangreicher in Erinnerung. Und z.B. in Phan Thiet haben sich im März 2003 alle Verkehrsteilnehmer an die vorhandenen Ampelregelungen strikt gehalten.

olisch
29.10.2006, 05:21
Hanoi fand ich allerdings verkehrstechnisch noch schlimmer.


Ich nicht ;)

http://www.olisch.de/bilder/S01.JPG

http://www.olisch.de/bilder/S02.JPG

sorry, das zweite Bild ist recht unscharf, ich denke aber, das dass Wesentliche dennoch zu erkennen ist ;)


@ Andreas

Großer Bericht!

Gruß

Otto
29.10.2006, 16:35
2003 März Nachmittags zur Verkehrshochzeit in Phan Thiet (ca. 200 000 Einwohner) Hauptstraße
http://foto.arcor-online.net/palb/alben/19/3452219/1024_3262386437323861.jpg
http://foto.arcor-online.net/palb/alben/19/3452219/1024_3437616633313839.jpg
2003 März Ho Chi Ming City bekannte Shoppingstraße
http://foto.arcor-online.net/palb/alben/19/3452219/1024_3732383033353831.jpg
übliches Taxi in Saigon
http://foto.arcor-online.net/palb/alben/19/3452219/1024_6564356336663936.jpg

Otto
29.10.2006, 16:39
Saigon Fußgängerzone im Tourizentrum
http://foto.arcor-online.net/palb/alben/19/3452219/1024_3261656362393636.jpg
berühmtes legendäres Hotel ca. 35 m neben dem Fluß - fast leere Hauptstraße
http://foto.arcor-online.net/palb/alben/19/3452219/1024_6166653239633539.jpg
Szene vor der Markthalle mit üblicher Verkehrsmenge
http://foto.arcor-online.net/palb/alben/19/3452219/1024_3561663039356464.jpg
Hauptstraße vormittags etwa gegen 10 Uhr
http://foto.arcor-online.net/palb/alben/19/3452219/1024_3538373239376263.jpg

Otto
29.10.2006, 16:48
Das hier ist eigentlich eine Kreuzung von 2 Hauptstraßen in Saigon - vormittags gegen 10.30 Uhr
http://foto.arcor-online.net/palb/alben/19/3452219/1024_3438333063336233.jpg
Wir wohnten 2003 im "New World Hotel", in welchem 2000 auch der damalige US-Präsident Clinton weilte (seinerzeit das beste Hotel Vietnams). Von dessen Terasse (siehe Beiträge weiter oben, den gelbe Betonklotz im Hintergrund) hatte man einen ziemlich guten Einblick in den Verkehr. Und der sah halt von hoch oben laut unserer Ansicht weit weniger beeindruckend aus, als es auch uns bei der Ankunft nachmittags gegen 17 Uhr unweit vom Flugplatz erschien.
Aber ihr könnte ja auch mal die Mitarbeiter der "Deutschen Bank" fragen.
http://foto.arcor-online.net/palb/alben/19/3452219/1024_3466373761313339.jpg
Das ist wohl nicht gerade viel Verkehr ... .

MfG
Otto

Taunusianer
30.10.2006, 21:32
Hanoi fand ich allerdings verkehrstechnisch noch schlimmer.


Da Hanoi meine erste Station auf meiner letztjährigen Vietnamreise war, hat einen das am Anfang doch ziemlich umgehauhen, und ich hofte, das nicht allzuviele Vietnamesen in Deutschland im Verkehr unterwegs sind. Ich war aber schon froh, dass ich überhaupt in Hanoi angekommen bin, bei dem Todesritt, den mei Taxifahrer bei Regen, auf dem Wege vom Flughafen hingelegt hatte. Und ich ich gehöre normal nicht zu den ängstlichen Menschen.

Spätestens in Da Nang habe ich dem Tohuwabohu tapfer getrotzt, und habe dort meine praktische Fahrprüfung für Großstädte in Vietnam abgelegt.

Als ich dann in Saigon angekommen bin, da war es das normalste der Welt, und ich fragte mich bereits, ob ich jetzt für immer für den deutschen Straßenverkehr verdorben bin.

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Freitag geht es los:
Laos, Isaan und Phuket!

Otto
31.10.2006, 08:23
Da Hanoi meine erste Station auf meiner letztjährigen Vietnamreise war, hat einen das am Anfang doch ziemlich umgehauhen ...... Als ich dann in Saigon angekommen bin, da war es das normalste der Welt ....
Ich schrieb ja schon weiter oben: das ist alles eine Frage der Gewöhnung und des Massstabes. Als wir erstmalig in Hongkong waren, hatten auch wir erstmal ein echtes Fussgänger-Verkehrsproblem, uns dann aber recht schnell eingewöhnt. Und so erscheint mir heute z.B. der Straßenverkehr in Kairo als sehr einfach, man muss allerdings viel Geduld und die Ruhe weg haben. Jeder Zeitgenosse ist aber anders. :smile: Fritz hatte wohl seinerzeit hier mal berichtet, das wir im September 2004 angeblich die ersten Touris unseres Veranstalters auf St. Lucia waren, die ihre Mietwagen ohne jegliche Unfallschäden oder sonstige Beschädigungen zurück gaben. Möge es glauben wer mag. :wink: .
Aber auch ich habe mal zu Vietnam eine Frage: früher galt dort kein ausländischer Führerschein, so das man gar nicht selbst fahren durfte - hat sich an der Regelung etwas geändert ? Die Ausnahme mit geführten Motorradtouren ist mir natürlich noch bekannt.

Taunusianer
31.10.2006, 21:40
..... :wink: .
Aber auch ich habe mal zu Vietnam eine Frage: früher galt dort kein ausländischer Führerschein, so das man gar nicht selbst fahren durfte - hat sich an der Regelung etwas geändert ? Die Ausnahme mit geführten Motorradtouren ist mir natürlich noch bekannt.

Hallo Otto,
also wie es jetzt mit dem Ausleihen von Motorrädern aussieht, kann ich dir nicht sagen. Aber die allseits bekannte Honda Dream kannst Du an jeder Ecke ausleihen. Solange nix passiert, kein Problem.

Was die geführten Motorradtouren angeht, da war ich ja etwas überrascht. Habe ein holländisches Pärchen getroffen. Sie hatte noch nie auf dem Motorrad gesessen, was sie aber nicht davon abhielt, nach 3 Runden auf dem Hinterhof, eine geführte mehrtägige Motorradtour ins Hinterland zu machen. Ich weiß gar nicht, ob ich bei soviel Wahnsinn den Hut ziehen muß, oder nur den Kopf schütteln soll.:eek:

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Freitag geht es los:
Laos, Isaan und Phuket! :biggrin: :biggrin:

heikoJT
09.11.2006, 19:42
[

sorry, das zweite Bild ist recht unscharf, ich denke aber, das dass Wesentliche dennoch zu erkennen ist ;)


Olisch,
das ist bei weitem das beste Bild von allen. Sehr gelungen, wahrscheinlich durch Zufall. Denn wenn Du Fotograf wärst, hättest Du nicht "sorry" gesagt. Profis setzen die Unschärfe gerne ein um Bewegung sinnbildlich zu machen. Das Foto hat eine tolle Aussage!!